09 Juni 2015

Kathedralen der Kultur, die an Wim Wenders inspirierte Filmreihe

Am Mittwoch, 10. Juni, startet im Anteo Spazio Cinema in Mailand die von Mirage geförderte Filmreihe „Kathedralen der Kultur“.
Kathedralen der Kultur nennt sich das originelle Projekt von Wim Wenders, in dem sechs Schlüsselgebäude der Geschichte der Menschheit, die erstmals in ihrem Alltag inszeniert werden, zu Wort kommen.
Eine mehrteilige Dokumentation mit dem Ziel, den Gebäuden eine Stimme zu geben. Was würden die in den verschiedenen städtischen Strukturen lebenden architektonischen Bauten sagen, falls sie sprechen könnten?
Mit diesem Geist sind sechs berühmte Regisseure anhand von ebenso vielen zeitgemäßen Gebäuden - architektonischen Symbolen mit besonderem künstlerischem und sozialem Wert - ans Werk gegangen, um ihre Besonderheiten zu Tage zu bringen - von der Berliner Philharmonie über die Russische Nationalbibliothek bis zum Halden Gefängnis.
Sechs unterschiedliche Sichtweisen, sechs unterschiedliche Blicke, die das aus einem ständigen Austausch und wechselseitigen Verbindungen bestehende Verhältnis analysieren möchten, das sich zwischen der Kultur und der Architektur, zwei auf faszinierbare Weise unzertrennbar miteinander verbundenen Realitäten, etabliert.
Die Architektur wird zu einem Sammelbehälter für Augenblicke des Lebens, die den Betrachter mitten ins Herz der großen architektonischen Bauwerke führen. Die Gebäude, von denen auf der Leinwand berichtet wird, übernehmen die Rolle von materiellen Erscheinungen des menschlichen Handelns und der Utopie der Schönheit und stellen gleichzeitig kostbare Schreine unseres kollektiven Gedächtnisses dar.

Drei Abendveranstaltungen hat Mirage im Spazio Cinema Anteo in Mailand organisiert.
Mittwoch, 10. Juni
„Kathedralen der Kultur“ in 3D Teil 1
Folge 1: Die Berliner Philharmonie, Regie Wim Wenders
Folge 2: Die Russische Nationalbibliothek, Regie Michael Glawogger

Mittwoch, 24. Juni
„Kathedralen der Kultur“ Teil 2
Folge 3: Das Halden Gefängnis, Regie Michael Madsen
Folge 4: Das Salk Institut, Regie Robert Redford

Mittwoch, 15. Juli
„Kathedralen der Kultur“ Teil 3
Folge 5: Das Oslo Opernhaus, Regie Margreth Olin
Folge 6: Das Centre Pompidou, Regie Karim Aïnouz


DIE BERLINER PHILHARMONIE
Regie Wim Wenders
Zu Beginn der Sechziger Jahre boten zwei aneinander grenzende Strukturen, die Berliner Philharmonie und die Berliner Mauer, gegensätzliche Visionen der Zukunft. Die eine war von der Einbeziehung und den Möglichkeiten geprägt, die andere vom Ausschluss und der Angst. Was ein halbes Jahrhundert später noch steht, ist die legendäre Philharmonie von Hans Scharoun. Im Herzen des kulturellen Zentrums Berlins, dem Potsdamer Platz, stellt die Philharmonie ein spektakuläres Symbol der Moderne und des Idealismus dar. In Die Berliner Philharmonie von Wim Wenders können wir das Gebäude mit den Augen zahlreicher seiner Bewohner kennenlernen, die jeweils eine tiefe Verbindung mit dem Raum haben. Wir lauschen den Proben des Orchesters im zentralen Konzertsaal, in dem Scharoun die Bühne radikal verändert bzw. neu erfunden hat, indem er sie in der Mitte des Zuschauerraums angeordnet hat. Während des Films ist „Jeux“ von Debussy der perfekte Soundtrack zum ausgesuchten Design der Philharmonie.

DIE RUSSISCHE NATIONALBIBLIOTHEK
Regie Michael Glawogger
Seit ihrer Eröffnung 1814 hat die von Yegor Sokolov entworfene Russische Nationalbibliothek in Sankt Petersburg einen Großteil der ereignisreichen Geschichte des Landes erlebt. Innerhalb seiner Wände ist ein Reich der Gedanken aufbewahrt, die noch länger zurückreichen und sorgfältig vom großteils weiblichen Personal der Bibliothek, deren Schritte in den immer leereren Sälen widerhallen und die Stille darin unterbrechen. In Die Russische Nationalbibliothek von Michael Glawogger spricht die Bibliothek anhand von ausgewählten Auszügen aus der höchsten Literatur. Jenseits der Wände der Bibliothek ist es eine Welt, die sich immer mehr an unsichtbare Datenclouds anvertraut, um das Wissen aufzubewahren, und wo die Bibliotheken, Buchhandlungen und Bücherregale langsam schwinden. Die Russische Nationalbibliothek erinnert auf beeindruckende Weise an die vergängliche Schönheit der Bücher, ihre Zufluchtsorte und ihre Hüter.

DAS HALDEN GEFÄNGNIS
Regie Michael Madsen
Das vom dänischen Architekturbüro EMA entworfene Halden Gefängnis in Norwegen wurde von der Zeitschrift Time als „menschlichstes Gefängnis der Welt“ definiert. Seit ihrer Eröffnung 2010 sind in dieser Strafanstalt einige der gefährlichsten Häftlinge Norwegens untergebracht. Aber können die gitterlosen Fenster mit Aussicht auf die norwegische Natur wirklich rückfälligen Kriminellen helfen? Kann ein Gefängnis wirklich „menschlich“ sein? Traditionell wurden die Gefängnisse als Orte der Strafe geplant, in deren Umgebung die Toleranz seitens der Gesellschaft ein Ende hat. Aber wie Das Halden Gefängnis von Michael Madsen zeigt, wird diese Tendenz in dieser Struktur, in der das „normale Leben“ nachgeahmt wird, auf den Kopf gestellt. Anhand von schwebenden Aufnahmen, die zur Gefangenschaft der Häftlinge im Kontrast stehen, erforscht Madsen die Grenze zwischen den humanistischen Idealen der Resozialisierung und des historischen Rachedursts und der Begierde, zu strafen, der Gesellschaft.

DAS SALK INSTITUT
Regie Robert Redford
1959 bat der berühmte Virologe Jonas Salk den Architekten Louis Kahn, seinen Traum einer neuen Art von Forschungsinstitut umzusetzen – einen Ort, wie er meinte, an dem sich Picasso wie zuhause gefühlt hätte. Er stellte sich ein „Kloster“ an der kalifornischen Küste vor, das den Wissenschaftlern ermögliche, ohne den Ablenkungen der modernen Welt im Einklang mit der Natur zu arbeiten. So entstand eine einzigartige Zusammenarbeit zwischen zwei der originellsten Köpfe des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Salk Institut von Robert Redford erzählt vom letzten Projekt Kahns als modernes Meisterwerk, als Liebeserklärung an den Winkel. Durch die Betrachtung des Gebäudes fordert der Film zu breiteren Überlegungen zu den existenziellen Merkmalen der Räume auf. Kann der Geist eines Gebäudes diejenigen, die darin arbeiten, beeinflussen und sie zu großartigen Ergebnissen inspirieren? Der Film, der von der Musik von Moby untermalt wird, ist ein besinnliches Portrait eines monumentalen Ortes und eine inspirierende Hommage an zwei zeitlose Köpfe, die das gleiche Vertrauen ins Design als Instrument im Dienst der höchsten menschlichen Ideale hegten.

DAS OSLO OPERNHAUS
Regie Margreth Olin
2008 hat sich am lebendigen Ufer im Stadtzentrum von Oslo ein vom Studio Snøhetta gefertigter eleganter neuer Nachbar etabliert. Das Opernhaus von Oslo, Sitz der Norwegischen Oper und des Balletts, erwächst nun aus dem Fjord und lockt mit seinem anscheinend endlosen Marmordach und seinem raffinierten Interieur die Besucher an. Das atemberaubende Design des Gebäudes lässt die räumliche Trennung zwischen innen und außen verschwimmen und bietet so eine einzigartige Mischung aus Entspannung, Unterhaltung und Hochkultur. Das Oslo Opernhaus von Margreth Olin dokumentiert tausende Menschen, die Tag für Tag das schneeweiße Dach überqueren, sowie die Hunderten von Profis unter dem Dach – Künstler und Mitarbeiter – die versuchen, dem Leben „dort oben“ einen Sinn zu geben. Das Design des Gebäudes verkörpert, wie Olin im Film zeigt, eine Symbiose von Kunst und Leben.

DAS CENTRE POMPIDOU
Regie Karim Aïnouz
Das 1977 von Renzo Piano und Richard Rogers errichtete Centre Pompidou stellt einerseits ein demokratisches Versprechen und andererseits eine verspielte Utopie dar, die einer großen Bandbreite von Besuchern ein ebenso breites Kulturangebot bietet. Wie ein Flughafen, der von der Energie der Abreisenden aufgeladen ist, pulsiert das Zentrum vom Rausch der Besucher, die darauf warten, in die Kunstgalerien, Archive und Bibliotheken, Veranstaltungsräume und Kinos, ins Restaurant und auf die Aussichtsplattform zu strömen. Das Centre Pompidou von Karim Aïnouz zeigt einen Tag im Leben dieses Pariser Wahrzeichens, gleitet durch die futuristischen gläsernen Rolltreppenröhren, hält inne beim atemberaubenden Blick über Paris und in den reichen Sammlungen moderner Kunst und erforscht die verborgenen Räume. Das Pompidou ist wie ein Riesenmagnet im Zentrum der Stadt und der Film fängt die magische Anziehungskraft ein, die das Gebäude auf Einheimische und Fremde, Erstlinge und Routiniers ausübt.